
Vitamin B12 Aufnahme: Sublinguale Resorption erklärt
Vitamin B12 wird in allen möglichen Formen angeboten. Die wohl verbreitetste Darreichung erfolgt in Form von Tabletten oder Kapseln zum Schlucken. Allerdings gibt es immer mehr alternative Präparate auf dem Markt: Lutschtabletten, Sprays, Tropfen, angereicherte Zahnpasta – all diese Präparate zielen auf eine direkte Aufnahme über die Mundschleimhaut. Was es mit dieser sublingualen Aufnahme auf sich hat und für wen dieser Weg von Vorteil sein kann, erfährst du in diesem Beitrag.
Wie wird Vitamin B12 im Körper aufgenommen?
Kaum ein anderes Vitamin legt auf dem Weg vom Lebensmittel bis in die Blutbahn eine so aufwendige Reise zurück. Dabei liegt das Vitamin nie allein vor, sondern ist zum Schutz an mehrere Transportproteine gebunden.
Vom Lebensmittel zum Darm: Haptocorrin und Intrinsic Factor
In tierischen Lebensmitteln ist Vitamin B12 überwiegend an Proteine gebunden und wird daher im Magen mithilfe von Magensäure und Verdauungsenzymen aus dieser Bindung herausgelöst 1. Doch direkt im Anschluss wird das Vitamin erneut verpackt. Zusammen mit dem Schutzprotein „Haptocorrin“ zieht das Vitamin B12 weiter bis in den Zwölffingerdarm (Duodenum). Dort wird das Haptocorrin von Enzymen abgebaut und vom nächsten Transportprotein abgelöst: dem „Intrinsic Factor“. Der Intrinsic Factor wird von den Belegzellen des Magens gebildet und begleitet das Vitamin B12 bis zum letzten Dünndarmabschnitt (Ileum) 2. Dort wird der Komplex aus Vitamin B12 und Intrinsic Factor durch spezielle Rezeptoren in die Darmzellen aufgenommen. Erst dort wird das Vitamin aus dem Komplex freigegeben und ins Blut geschleust 3.
Wie viel von der aufgenommenen Menge kommt im Blut an?
Bei nahrungstypischen Zufuhrmengen von bis zu 1–2 µg werden rund 50–60 % des Vitamins aktiv aufgenommen. Allerdings ist die aktive Aufnahme über die Rezeptoranzahl und das Bindungsvermögen des Intrinsic-Factor begrenzt. Ab einem gewissen Punkt ist das Aufnahmesystem „gesättigt“ und es wird kein weiteres B12 aufgenommen. Diese Sättigung ist bei etwa 1,5–2,0 µg pro Mahlzeit bzw. Einzeldosis erreicht 4–6.
Zudem gibt es einen zweiten Aufnahmeweg, für den weder der Intrinsic Factor noch Rezeptoren benötigt werden: die passive Diffusion. Dabei gelangt freies Vitamin B12 aufgrund des Konzentrationsgefälles direkt aus dem Darminneren in die Darmzellen und wird anschließend ins Blut abgegeben. Über diesen Weg werden konstant ca. 1 % der zugeführten Menge aufgenommen. Deshalb wird die passive Diffusion vor allem bei hohen Einzeldosen (z. B. 1.000 µg) relevant, wie sie gezielt in Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzt werden 4–6.
Was bedeutet sublinguale Resorption?
„Resorption“ ist der Fachbegriff für die Aufnahme von Stoffen über Schleimhäute in die Blutbahn. „Sublingual“ (lat. sub = unter, lingua = Zunge) bedeutet „unter der Zunge“. Unter einer sublingualen Resorption versteht man also die Aufnahme eines Stoffs direkt über die Mundschleimhaut.
Hier greift der Mechanismus der passiven Diffusion: Durch das starke Konzentrationsgefälle zwischen dem Mundraum und dem Inneren der Schleimhautzellen kann Vitamin B12 ganz ohne Transportproteine durch die Schleimhaut direkt in die Zellen wandern und von dort ins Blut gelangen.
Klinische Studien zeigen, dass hochdosiertes Vitamin B12 sublingual genauso zuverlässig im Blut ankommt wie bei der klassischen oralen Einnahme von Tabletten oder der Gabe von Spritzen 7,8. Welche Darreichungsform sich am besten eignet, hängt von individuellen Faktoren ab.
Für wen kann die sublinguale Einnahme von Vorteil sein?
Da bei der sublingualen Einnahme der Magen-Darm-Trakt umgangen wird und die Aufnahme komplett unabhängig von Magensäure und Intrinsic Factor erfolgt, bietet dieser Weg für bestimmte Personengruppen besondere Vorteile.
Höheres Lebensalter
Ein Vitamin-B12-Mangel ist unter älteren Menschen verbreitet, besonders ab 60 Jahren. Grund ist unter anderem die abnehmende Bildung von Magensäure und Intrinsic Factor, etwa durch eine chronische Magenschleimhautentzündung (atrophische Gastritis) oder die Einnahme von Medikamenten 3.
Magen-Darm-Erkrankungen
Bei einer Autoimmungastritis bzw. perniziösen Anämie bildet der Magen keinen oder kaum noch Intrinsic Factor. Eine chronische Magenschleimhautentzündung (atrophische Gastritis) führt zum Verlust der Belegzellen, die Magensäure und Intrinsic Factor bilden. Auch Erkrankungen des Dünndarms (z.B. Zöliakie, Morbus Crohn oder eine Infektion mit Helicobacter pylori) sowie Operationen am Magen-Darm-Trakt (z. B. Entfernung von Teilen des Magens oder Darms) schränken die aktive Vitamin-B12-Aufnahme deutlich ein 3.
Langfristige Einnahme bestimmter Medikamente
Manche Arzneimittel, die regelmäßig eingenommen werden, können die B12-Aufnahme im Magen-Darm-Trakt hemmen. Dazu gehören insbesondere Magensäureblocker (Protonenpumpenhemmer oder H2-Rezeptor-Antagonisten), die das Herauslösen von Vitamin B12 aus der Nahrung erschweren, sowie das Diabetes-Medikament Metformin3.
Vitamin B12 Aufnahme: Sublinguale Resorption erklärt
Die Vitamin-B12-Aufnahme ist ein komplexer Prozess, bei über mehrere Transportproteine bei der rezeptorvermittelten Aufnahme im Darm endet. Bei hohen Dosierungen werden ca. 1 % der Dosis durch passive Diffusion aufgenommen. Sublinguale Präparate nutzen das Prinzip der passiven Diffusion für eine direkte Aufnahme über die Mundschleimhaut. Diese Aufnahme ist ebenso effektiv wie andere Darreichungsformen und hat eine Menge Vorteile, da die Aufnahme über den Magen-Darm-Trakt umgangen wird. Davon profitieren vor allem Menschen, die aufgrund von Medikamenten oder Erkrankungen eine eingeschränkte Vitamin-B12-Aufnahme haben.
Autorenschaft: Wissenschaftliche Abteilung Oktober 2026
(1) Biesalski, A.-S. & Sturm, D. Vitaminmangel-Erkrankungen. In: Neurologische Pathophysiologie (Hrsg.: Sturm, D., Biesalski, A.-S. & Höffken, O.); S.165–178; Springer Verlag; Berlin, Heidelberg, 2019.
(2) Biesalski, H.-K., Grimm, P. & Nowitzki-Grimm, S. Taschenatlas Ernährung. Georg Thieme Verlag, Stuttgart New York, 2020.
(3) Green, R. et al. Vitamin B12 deficiency. Nat. Rev. Dis. Primer 3, 17040 (2017).
(4) Carmel, R. How I treat cobalamin (vitamin B12) deficiency. Blood 112, 2214–2221 (2008).
(5) O’Leary, F. & Samman, S. Vitamin B12 in Health and Disease. Nutrients 2, 299–316 (2010).
(6) DGE-ÖGE-SGE. Vitamin B12 (Cobalamine). In: D-A-C-H-Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (Hrsg.: Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung, & Schweizerische Gesellschaft für Ernährung); S.1- 2. Auflage, bearbeitete Ausgabe; DGE, Bonn, 2018.
(7) Mazur, M. et al. Efficacy of sublingual and oral vitamin B12 versus intramuscular administration: insights from a systematic review and meta-analysis. Front. Pharmacol. 16, 1602976 (2025).
(8) Abdelwahab, O. A. et al. Efficacy of different routes of vitamin B12 supplementation for the treatment of patients with vitamin B12 deficiency: A systematic review and network meta-analysis. Ir. J. Med. Sci. 193, 1621–1639 (2024).




